BSI C5, ISO 42001, SecNumCloud, SEAL: KI-Zertifikate erklärt
Zertifikats-Logos sind das beliebteste Vertrauenssignal im Cloud-Vertrieb — und das am leichtesten missbrauchte. Dieser Guide erklärt, was die wichtigsten Prüfungen tatsächlich abdecken und wie Sie einen echten Nachweis von einem Badge unterscheiden.
Die Basisschicht: ISO 27001 und SOC 2
ISO/IEC 27001 zertifiziert ein Informationssicherheits-Managementsystem — Prozesse, nicht Produkte. Sie ist der Mindeststandard; ein Anbieter ohne 27001 ist im B2B-Geschäft kaum vermittelbar. SOC 2 (Type II) ist das US-Pendant als Prüfbericht über einen Zeitraum. Beide sagen nichts Spezifisches über KI oder Datensouveränität. Echtheit prüfen: Zertifizierer und Zertifikatsnummer müssen genannt sein; viele Zertifizierer führen öffentliche Datenbanken (so lässt sich etwa Aleph Alphas ISO 27001 direkt beim Zertifizierer DQS verifizieren).
Die Cloud-Schicht: BSI C5 und SecNumCloud
BSI C5 ist der deutsche Kriterienkatalog für Cloud-Sicherheit — ein Testat nach Wirtschaftsprüfer-Standard (ISAE 3000), kein Zertifikat im ISO-Sinn. Typ 1 prüft die Angemessenheit zum Stichtag, Typ 2 die Wirksamkeit über einen Zeitraum — Typ 2 ist die stärkere Aussage. Für deutsche Behörden und regulierte Branchen faktisch Pflicht. Wichtig: Der Geltungsbereich zählt. Ein C5-Testat für „Compute und Storage“ deckt nicht automatisch das KI-Produkt desselben Anbieters ab. SecNumCloud (Frankreich, ANSSI) geht weiter: Es verlangt neben technischer Sicherheit auch Immunität gegen Nicht-EU-Recht — also europäische Eigentümerkontrolle. Es ist die härteste Souveränitätsprüfung Europas; entsprechend wenige Anbieter halten sie.
Die neue Schicht: ISO 42001 und SEAL
ISO/IEC 42001 zertifiziert seit 2023 KI-Managementsysteme — das KI-Pendant zur 27001. Sie wird im AI-Act-Kontext an Bedeutung gewinnen, ist aber unter EU-Inference-Anbietern noch selten. SEAL (Sovereign European Assurance Level, Stufen 1–4) ist die Souveränitätsskala aus den EU-Cloud-Beschaffungen: Sie bewertet, wie unabhängig ein Angebot von Nicht-EU-Kontrolle ist. Besonderheit: Es gibt kein öffentliches SEAL-Register — Einstufungen existieren nur innerhalb konkreter Vergabeverfahren (in der Cloud-III-Vergabe 2026 erreichten etwa OVHcloud, STACKIT und Scaleway SEAL-3). Wer mit einem SEAL-Level wirbt, sollte das Vergabeverfahren benennen können.
Woran Sie Badge-Kosmetik erkennen
- Logo auf der Startseite, aber kein Zertifikat, kein Auditor, keine Nummer auffindbar → in unserer Systematik „beansprucht“, nicht „belegt“.
- „In Vorbereitung“ oder „Audit läuft“ → ehrlich, aber kein Nachweis. Gilt auch für angekündigte SOC-2-Testate.
- Zertifikat der Konzernmutter oder des Rechenzentrums-Vermieters, nicht des Dienstes selbst → Geltungsbereich erfragen.
- Positivbeispiel Transparenz: Der Berliner Anbieter Lyceum schreibt öffentlich, welche Zertifikate er nicht hält — das ist mehr Vertrauenssignal als manches Badge.
In unserer Datenbank führen wir Zertifikate grundsätzlich mit Quelle und Status: „belegt“ nur, wenn das Zertifikat, der Prüfer oder ein offizielles Compliance-Portal die Angabe trägt.